Schunke´s Berlin New York Collective: Genesis. Mystery and Magic

Das neue internationale Projekt. Die CD erschien im Jahr 2014 bei NWOG

Besetzung:

Sebastian Schunke – compositions, piano
Hans Glawischnig – bass (NY) or Marcel Krömker -bass (berlin)
Diego Pinera – drums (berlin)
Pernelle Saturnino – percussion (NY) or Robby Geerken – percussion (berlin)
Alex Sipiagin – trumpet (NY)
Nils Wogram – trombone or Tim Albright – trombone (NY)

„Wer hätte das gedacht? Einer der wichtigsten Neuerer des Latin-Jazz in den vergangenen Jahren kommt aus Deutschland. Sebastian Schunke heißt er, stammt aus Niedersachsen und genießt in den USA und Südamerika einen glänzenden Ruf. Der 40-jährige Pianist und Komponist tritt regelmäßig bei den namhaftesten Festivals in Lateinamerika auf, die Besetzungsliste seiner bislang sechs Produktionen ist gespickt mit Grammy-Gewinnern und Latin-Legenden wie Paquito D’Rivera, die Fachmagazine überschlagen sich in ihren Besprechungen mit Lobeshymnen und CD-Höchstbewertungen.
„Genesis. Mystery and Magic“ hat Schunke seine aktuelle Aufnahme getauft. Das mag imposant, ja geradezu biblisch klingen, ist aber ganz bescheiden gemeint. Mit dem Titel will der Ex-New Yorker und Wahl-Berliner, dessen zweite Tochter während der Entstehung der CD im Bauch der Mutter wuchs, seinem dankbaren Erstaunen über das Werden von Kunst und Leben Ausdruck verleihen. Es geht um das Wunder, wie gleichsam aus dem Nichts Gedanken und Ideen zu Musik werden – und wie Instrumentalisten aus verschiedensten Kulturkreisen wider die babylonische Sprachverwirrung zu einem gemeinsamen Ausdruck finden.
Für sein neue Einspielung konnte der Pianist eine internationale Besetzung zusammentrommeln, die ohne Untertreibung die Bezeichnung „Dream Team“ verdient: Der in New York lebende russische Trompeter Alex Sipiagin (Mingus Dynasty, Michael Brecker Quindectet, Dave Holland Sextet) teilt sich mit dem in jeder Hinsicht atemberaubend spielenden Posaunisten Nils Wogram, Deutschlands legitimen Albert-Mangelsdorff-Nachfolger, die melodischen Lead-Stimmen. Der im Big Apple lebende österreichische Bassist Hans Glawischnig webt mit dem aus Curacao stammenden Meister-Perkussionisten Pernell Saturnino (u.a. Chick Corea, Wynton Marsalis, Dee Dee Bridgewater) und dem Schlagzeuger Diego Pinera aus Uruguay dichte Rhythmusgespinste. Schunke selbst hält als Komponist und feinsinniger Solist die Fäden in der Hand. Europa trifft Südamerika, urbaner, hitziger Gegenwartsjazz vermengt sich mit dicht verzahnten Grooves aus Lateinamerika.

Kurz: Alles, was Sie über Latin-Jazz zu wissen glaubten – vergessen Sie es!

Auf „Genesis. Mystery and Magic“ erweisen sich sämtliche durch den Erfolg des „Buena Vista Social Club“ sorgsam gepflegten Klischees als hinfällig. Diese Musik, die auf traditionellen Rhythmen aus Kuba, Puerto Rico oder Uruguay basiert, ist intellektuell und hoch komplex, ohne auch nur an einer Stelle kopflastig zu wirken, sie zieht ihre Einflüsse gleichermaßen aus der europäischen Klassik wie aus dem Postbop und dem Free Jazz. Man kann ruhigen Gewissens behaupten, dass es sich bei der Aufnahme um Schunkes Opus magnum handelt, mit dem er die Quersumme aus seinem bisherigen Schaffen zieht.
Dieses Œuvre ist extrem vielfältig: Es reicht von den Experimenten, die der junge Pianist mit ungeraden Latin-Metren auf seinem 2002 in New York eingespielten Debüt-Album „Symbiosis“ anstellte, über sein mit Jazzrock-Gitarre und Electronics verstärktes Großformationsprojekt „Mouvement“ bis hin zum ungewöhnlichen Hauptstadt-Modern-Jazz der 2011 in Berlin entstandenen CD „Life and Death“. Und dann wäre da noch die Einspielung „Back in New York“ aus dem Jahr 2008, bei der der kubanische Klarinettist Paquito D’Rivera mitwirkte. Der Gründer der legendären Formation Irakere war voll des Lobes für den Deutschen: „That guy is a very, very fine pianist and composer. He is very good!“, gab D’Rivera nachher zu Protokoll. Als sein „Gesellenstück“ bezeichnet Schunke diese Platte. Nun ist die Zeit reif für ein Meisterwerk.
„Ich probiere, bei der Musik alles zuzulassen. Aber immer mit dem Anspruch, dass es neu ist und mich überrascht und herausfordert“, beschreibt Sebastian Schunke seine Philosophie. Auf „Genesis. Mystery and Magic“ gelingt ihm eine mustergültige Umsetzung dieses Credos. Sei es etwa in dem Stück „Ella“, in dem sich auf Melodie- und Bassebene eine Reihe von 5/4- und 6/4-Takten ganz organisch immer wieder gegeneinander verschieben und sich Posaune und Trompete ein hitziges Duell liefern, sei es in der Komposition „Metamorphosis“, die einen traditionellen Plena-Rhythmus aus Puerto Rico auf eine Form von 28/4 überträgt und Schunke Gelegenheit zu einem scharfkantig-ausgefuchstem Klavier-Solo gibt. Als eigentümliche Ruheinseln auf diesem ungemein dichten Album erweisen sich die avantgardistischen Interludes, bei denen der Pianist allein an seinem Instrument das Klangfarbenspektrum von Harmonien und Disharmonien in der Folge von Schönberg und Webern auskostet.
Mit der europäischen Klassik hatte alles für den in der Nähe von Hannover aufgewachsenen Schunke angefangen. Dann aber öffnete ihm ein engagierter Musikschullehrer die Ohren für den Latin Jazz, für Künstler und Formationen wie Eddie Palmieri, Michel Camilo oder Irakere. Und obwohl der junge Pianist unüberhörbares Talent in diesem Bereich zeigte, gab es die Überzeugung: „Als Deutscher darf man nie auf die Idee kommen, den großen Latin-Vorbildern das Wasser reichen zu können.“ In New York, wohin es den 23-Jährigen Schunke eigentlich wegen eines Jura-Praktikums verschlagen hatte, sah man das allerdings ganz anders. Der Chick-Corea-Bassist John Benitez war derart von dem eigenen Ansatz des Deutschen begeistert, dass er gleich eine Aufnahmesession organisierte, an der unter anderem der spätere Pat-Metheny-Schlagzeuger Antonio Sanchez mitwirkte. Das Ergebnis, die südamerikanisch-europäische Fusion „Symbiosis“, gilt laut Wikipedia als Schule machendes Vorbild für die Modernisierung der lateinamerikanischen Clave-Rhythmuspatterns auf der Grundlage ungerader Metren.
Das Debüt-Album öffnete Schunke, der seit 12 Jahren in Berlin lebt, nicht nur die Türen auf dem amerikanischen Kontinent, wo er eine große Fan-Gemeinde hat, sondern auch in China. Nur in seiner Heimat ist er ungeachtet seiner Touren im Auftrag des Goethe-Instituts oder im Gefolge des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler eine unbekannte Größe.
Mit „Genesis. Mystery and Magic“ sollte sich das für den Propheten einer kraftvollen neuen Latinjazz-Philosophie im eigenen Land endlich ändern. Man muss kein biblischer Hellseher sein, um das vorherzusagen.“

Verfasser: Josef Engels, Berlin