Sebastian Schunke / Diego Pinera Duo plus guests

Sebastian Schunke / Diego Pinera: „Elusive Beauty“_MG_5359

Was ist Schönheit? Künstler und Wissenschaftler zerbrechen sich über diese Frage schon seit ewigen Zeiten den Kopf. Ist es Ebenmäßigkeit? Natürlichkeit? Perfektion? Der Pianist und Komponist Sebastian Schunke findet auf seinem siebten Album eine Antwort, die sich ziemlich genau mit den Erkenntnissen der Attraktivitätsforschung deckt (leichte Asymmetrien lassen Gesichter anziehender wirken) – und noch besser mit dem übereinstimmt, was Goethe einst schrieb: „Vollkommenheit ist schon da, wenn das Notwendige geleistet wird, Schönheit, wenn das Notwendige geleistet, doch verborgen ist.“

„Verborgene Schönheit“ – so ließe sich auch „Elusive Beauty“, der Titel von Schunkes neuer Einspielung, übersetzen. Es ist das bislang radikalste Album des Berliners, der seit seiner im Jahr 2000 in New York an der Seite von Antonio Sanchez und John Benitez entstandenen Debüt-CD „Symbiosis“ als Visionär des Latin Jazz gilt. Ein Ruf, den sein 2014 erschienenes Album „Genesis. Mystery and Magic“ glanzvoll bestätigte. Die Einspielung mit europäischen und in den USA lebenden Stars wie Nils Wogram und Alex Sipiagin brachte Schunke weltweit in den einschlägigen Publikationen 5-Sterne-Albumbesprechungen ein und ließ das deutsche Magazin Jazz thing von einem Meisterwerk sprechen.

Doch nach dem großen Wurf, der die Summe aus Schunkes bisherigem Schaffen in der Vermittlung zwischen der Latin-Kultur, dem progressiven Jazz und der europäischen Klassik zog, fand der Pianist, es sei Zeit für einen Schnitt. „Ich wollte das Klavier für mich neu erkunden und nicht limitiert sein, sozusagen grenzenlos“, gibt der 44-Jährige zu Protokoll. Das Ergebnis dieser mehrjährigen Klavier-, Klang- und Seelenerforschungen, bei denen sich Schunke von so unterschiedlichen Figuren wie dem britischen Komponisten Harrison Birtwistle oder dem US-Schlagwerker Tyshawn Sorey inspirieren ließ, ist nun auf „Elusive Beauty“ zu hören.

Zum ersten Mal in seiner Karriere verzichtet Schunke auf einen Bassisten, den im Latin-Jazz eigentlich unverzichtbaren Pulsgeber, und eröffnet sich damit bislang unerhörte Räume in den Tiefen des Klavierregisters. Vier der sieben Stücke auf „Elusive Beauty“ sind Duette mit dem aus Uruguay stammenden Schlagzeuger Diego Pinera, den der Pianist schon seit über einer Dekade als verlässlichen Partner schätzt. Aber auch der extrem virtuose Rhythmiker, der 2017 den „Echo Jazz“ als bester Schlagzeuger erhielt, wird aus seiner Komfortzone gelockt. Es geht nicht mehr nur darum, komplexe ungerade Latin-Grooves zum Fliegen zu bringen (Schunkes Erkennungszeichen seit den Anfangstagen seiner Karriere), sondern auch um ein Denken in klanglichen Kategorien. Höchst sensibel schöpft Pinera nun Soundtropfen aus einem Meer an Perkussionsinstrumenten wie Steel Drum, Timbales, Pauken oder unzähligen Becken und bringt sie zum Singen.

Bei drei Titeln auf „Elusive Beauty“ tritt dann noch eine ungewöhnliche Instrumenten-Kombination zu dem Duo. Der Bassklarinettist Benjamin Weidekamp, der unter anderem mit Anthony Braxton und Gebhard Ullmann zusammenarbeitete, die Bratschistin Yodfat Miron und die Cellistin Boram Lie, die sich traumhaft sicher in den Welten von Klassik, Neuer Musik und Pop bewegen, sorgen für zusätzliche Spannung. Weit weg von Bläser- und Streicherklischees reichern sie Schunkes harmonische Reibeflächen mit fein gesponnen Texturen an. Die Palette erstreckt sich vom bloßen Geräusch, einem Schmatzen und Seufzen, über eine wärmende Klangwolkendecke mit bewussten Webfehlern bis hin zum ungemein intensiven solistischen Verzweiflungsschrei der Bassklarinette. Sie klingt wie ein bruitistischer Wiedergänger der Klarinette des kubanischen Großmeisters Paquito d’Rivera, mit dem Schunke 2008 die CD „Back in New York“ aufnahm, und macht deutlich, was für einen großen Sprung das musikalische Konzept des Pianisten in den vergangenen Jahren gemacht hat.

Schunke siedelt seine „Elusive Beauty“ aber keineswegs in den luftleeren Sphären der Avantgarde an. Immer wieder tauchen traditionelle lateinamerikanische Rhythmen in den neuen Stücken des regelmäßig in Südamerika gastierenden Pianisten auf. Hier ein Plena aus Puerto Rico in der Auftaktnummer „Rapsodia No. 3“, dort ein Son aus Kuba wie in „Back to Life – Part II“. Und obwohl die Grooves von Schunke und Pinera in wahrlich abenteuerlichen Aneinanderreihungen von krummen Takten interpretiert werden, lassen sie den Zuhörer innerlich tanzen.

Was hier geschieht, ist die unwahrscheinliche Symbiose vermeintlicher Gegensätze. Aus der mathematischen Präzision des avancierten Latin-Jazz, der Leidenschaft der lateinamerikanischen Volkskultur und des auf Schönberg und Webern zurückgreifenden Harmonieverständnisses der europäischen Moderne entsteht etwas Neues. Gewissermaßen eine Weiterentwicklung der von Gunther Schuller begründeten „Third Stream“-Bewegung, die in Schunkes „Fourth Stream“ um eine Latin-Komponente erweitert wird.

Auf „Elusive Beauty“ gewahrt man eine fragile Schönheit, deren harmonische Gestalt erst durch die Schwingungen eines reizvoll dissonanten Akkordtons zum Strahlen in dunklen Farben gebracht wird. Und wird Zeuge der Geburt einer eigenen Klang- und Kompositionssprache, die für den Latin-Jazz so etwas werden könnte wie Ornette Colemans revolutionäre Musikphilosophie für den in Formelhaftigkeit erstarrten Hardbop der späten 1950er Jahre. Kurz: Seinem Ruf als kühner Innovator wird Sebastian Schunke auch auf seinem siebten Album aufs Schönste gerecht.